POLICY BRIEF
POLICY BRIEF 06 / 2017 | SOCIAL INNOVATION THROUGH LIFE COURSE RESEARCH
Die “Gender-Fabrik”

Die “Gender-Fabrik”

Wie das Schweizer Bildungssystem die Ungleichstellung zwischen Mann und Frau Fördert

Autor/inn/en: Farinaz Fassa, Pascal Maeder

Kernaussagen:
  • Im Schweizer Bildungs- und Ausbildungssystem geht der Übertritt in die Sekundarstufe häufig mit der Vorauswahl bestimmter schulischer Zweige einher, die zumeist in Berufsfel-der führen, die im Vergleich zu jenen der Jungen nicht gleichwertig sind
  • Im nachobligatorischen Bereich bereiten allgemein- wie berufsbildende Ausbildungsgänge Mädchen auf Berufe vor, die nicht nur anzahlmässig, sondern auch hinsichtlich Bezahlung und Karrierechancen tiefer liegen
  • So erhöht das Schweizer Bildungssystem das Armutsrisiko insbesondere jener Frauen, die ausschliesslich ihre Familie versorgen und keine nachobligatorische Ausbildung haben

Das von Farinaz Fassa unlängst veröffentlichte Buch beleuchtet auf aufschlussreiche Weise die unterschiedliche Stellung von Mädchen und Jungen im Schweizer Bildungssystem. Obwohl die Gleichstellung von Mann und Frau insbesondere im Bildungsbereich in der Schweizer Verfassung festgeschrieben ist, erweist sich das Schweizer Bildungssystem nach wie vor als wichtige Ursache für tiefgreifende und dauerhafte Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. In der Tat ist das Schweizer Schulsystem so aufgebaut, dass auf dem Weg ins Berufsleben verschiedene Stufen erklommen werden müssen, die eine selektive Funktion erfüllen und die SchülerInnen in unterschiedliche Ausbildungszweige drängen. Nach einer mehr oder weniger langen Schul- und Ausbildungszeit treten die Jungen und Mädchen dann in einen Arbeitsmarkt ein, der die von Mädchen erworbenen Kompetenzen trotz gleichwertiger Qualifikationen geringer schätzt als die typischerweise von Jungen erworbenen Fertigkeiten. Diese – theoretisch leistungsbasierte – selektive Weichenstellung erweist sich nicht nur als sozial diskriminierend, sondern auch als genderungerecht, da das Schweizer Schulsystem damit die Grundlagen für einen Lebensverlauf vorgibt, der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wie auch sozialen Schichten immer wieder reproduziert. Ausserdem verfolgt das Schulsystem keine systematische Gleichstellungspolitik und trägt damit nur wenig zu einer gerechteren Verteilung der vorwiegend auf den Schultern der Frauen lastenden Verantwortung für die „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf bei. Dieses Fehlen einer systematischen und nachhaltigen Strategie führt dazu, dass die weibliche Berufswahl im Kontext eines von traditionellen Geschlechterrollen geprägten Systems stattfindet, das Frauen die Hauptverantwortung für familiäre und erzieherische Aufgaben aufbürdet. Derartige Perspektiven für Frauen bedingen schliesslich häufig die „Wahl“ eines Ausbildungswegs, der Teilzeitarbeit ermöglicht und oft auf menschennahe Berufe auf dem Gebiet der Pflege, Erziehung und Kommunikation vorbereitet. Diese in der Kindheit und Jugend getroffenen „Entscheidungen“ haben nachhaltige Auswirkungen und können die Verletzbarkeit von Frauen gerade im Fall einer Trennung der Ehepartner zusätzlich verstärken, da Mütter oft keinen uneingeschränkten Zugang mehr zum Arbeitsmarkt finden. Die Autorin regt deshalb an, die Gleichstellung der Geschlechter zu einem grundlegenden Auftrag des Schweizer Bildungssystems zu erheben.

Selektive und genderspezifische Leistungszüge

In den meisten Kantonen werden die SchülerInnen im Verlauf der obligatorischen Schule in verschiedene Leistungszüge eingeteilt, meist um das 12. Lebensjahr herum. Jene Kinder, die zu diesem Zeitpunkt bereits ein hohes Leistungsniveau erreicht haben, können dann in den vorgymnasialen Zweig übertreten und sich dort weiter spezialisieren. Wird dieser erfolgreich absolviert, stehen ihnen anschliessend der Erwerb der gymnasialen Maturität sowie die Aufnahme eines Hochschulstudiums offen. Die übrigen Kinder führen ihre Schulausbildung in Leistungszügen mit geringeren Anforderungen fort und treten im Allgemeinen nach Ende der Volksschule (mit 15 Jahren) in das Arbeitsleben ein, meist mit einer dualen Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule (im landesweiten Durchschnitt ca. 65 Prozent eines Jahrgangs).

In der Praxis wirkt sich diese frühzeitige Selektion nachhaltig auf den schulischen Bildungsverlauf von Jungen und Mädchen aus. Für Kinder, deren Bildungsverlauf sie auf einen Schulzweig mit Grundansprüchen geführt hat, werden die Zugangschancen zum Hochschulsystem dadurch zumindest formell verringert, wenn nicht sogar ganz ausgeschlossen. Zudem müssen sich die Kinder bereits in einem sehr jungen Alter auf eine Berufslaufbahn einstellen, in der ihnen von vornherein nicht alle Möglichkeiten offenstehen. So müssen sie schon in der Sekundarstufe weichenstellende Entscheidungen für ihren weiteren Bildungsverlauf treffen. Bei diesen frühzeitigen Entscheidungen orientieren sich Jungen meist hin zu technischen, Mädchen hingegen meist zu menschen- oder kommunikationsorientierten Berufen, die auf dem Arbeitsmarkt geringer entschädigt werden.

„Entscheidungen“, die verletzbar machen

Die Entscheidung für eine Ausbildungsrichtung oder einen Bildungszweig hat zur Folge, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Neigungen ausprägen und sich unterschiedliche Fähigkeiten aneignen. Aktuelle Untersuchungen zu den Berufswünschen von Jungen und Mädchen, wie etwa die Studie von Guilley et al., zeigen klar, dass sich die Vorstellungen, wie ihr gesellschaftliches und berufliches Leben in der Zukunft aussehen sollte, schon mit 13 Jahren stark voneinander unterscheiden. Während Jungen sich in technischen Berufen sehen, die meist mit einer Vollzeittätigkeit einhergehen, denken Mädchen bereits an eine künftige Familie und berücksichtigen bei der Berufsorientierung Faktoren wie die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten oder Beruf und Familie „vereinbaren“ zu können. So werden Mädchen und Jungen bereits im Jugendalter nicht nur von Fähigkeiten und Neigungen geleitet, sondern auch von dem Bild, das sie sich von ihrer Zukunft machen. Mädchen berücksichtigen dabei eventuelle familiäre Aufgaben, während Jungen sich in der Rolle als Haupternährer sehen. Dies hat wenig überraschend Auswirkungen auf die berufliche Zukunft der Kinder und betrifft letztlich auch die Teilhabe von Frauen am Wissenschaftsbetrieb: Nachstehender Grafik lässt sich bspw. entnehmen, dass sie an der Spitze akademischer Hierarchien trotz Gleichstellungsmassnahmen nur eine Minderheit darstellen.

Auch hinsichtlich Bezahlung und beruflicher Entwicklung denken Mädchen und Jungen bei der Berufsorientierung mitnichten neutral, sondern folgen stark von Hierarchien und Geschlechtsunterschieden geprägten Vorstellungen. Die von Jungen mehrheitlich angestrebten Tätigkeiten sind besser bezahlt als die Berufe, die überwiegend von Frauen (d.h. mit einem Anteil von über 70 Prozent) ausgeübt werden. Darüber hinaus bringen die „Frauenberufe“ deutlich schlechtere Karrierechancen mit sich und bieten seltener die Möglichkeit, einen höheren Berufsabschluss (eidgenössischer Fachausweis oder Meisterdiplom) zu erwerben. Auch die Möglichkeiten zur Selbstständigkeit sind in den sogenannten „Frauenberufen“ eingeschränkter, da sich diese neben ästhetik- und kunstorientierten Berufsfeldern (Coiffeurwesen, Tanzberuf usw.) vor allem im öffentlichen Bereich finden lassen: Dienstleistungen, Erziehungswesen, Sozialarbeit und Gesundheit. Zusammen bedingen all diese Faktoren, berücksichtigt man niedrigere Gehälter und eingeschränktere Karriereperspektiven, dass die Berufsorientierung Mädchen ab der Volksschule in eine berufliche Richtung führt, die diese im Erwachsenenalter verwundbarer macht und eine unabhängige Lebensführung erschwert, wohingegen Jungen davon profitieren, dass den auf ihrem Bildungsweg erworbenen Kompetenzen eine deutlich höhere Wertschätzung beigemessen wird.

Nachobligatorische Ausbildung zementiert berufliche Laufbahnen

Diese sehr geschlechtsspezifischen „Entscheidungen“ bestätigen sich am Ende der obligatorischen Schulzeit bei der Wahl eines konkreten Berufs. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) veranschaulichen diese Feststellung sehr gut: Über 50 Prozent der AbsolventInnen arbeiten in nur fünf der 33 seitens des BFS verglichenen Tätigkeitsfelder und konzentrieren sich dabei vor allem auf den pflegerischen Bereich, in dem der Frauenanteil über 90 Prozent liegt (im Vergleich zu 90 Prozent Männeranteil in den Bereichen „Mechanik und Metallbearbeitung“ und „Hoch- und Tiefbau“). Zu den übrigen Berufen mit einem Frauenanteil von über 85 Prozent gehören Sozialarbeit und Beratung; medizinische Dienstleistungen; Coiffeurwesen und Kosmetik; zahnmedizinische Berufe; Textilhandwerk (Bekleidung, Schuhe, Leder); Tiergesundheit und Veterinärwissenschaft.

Wie diese Zahlen unschwer erkennen lassen, bring die Berufslehre für Mädchen und Jungen ganz unterschiedliche Bedeutungen und Erfahrungen mit sich. Unterm Strich lässt sich feststellen, dass junge Frauen häufig sehr direkt einen Weg einschlagen, der wenig Möglichkeiten für sozialen Aufstieg bietet und selten Karrierechancen eröffnet, die jenen der Männer gleichwertig sind.

Dies trifft auch auf mittlere nachobligatorische Bildungsabschlüsse (von allgemeinbildenden Schulen bzw. Fachmittelschulen) zu, deren AbsolventInnen zu drei Vierteln Frauen sind. Diese Abschlüsse münden meist unweigerlich in den Besuch höherer Fachschulen, die auf Berufe im Pflege- und Gesundheitsbereich oder im Erziehungswesen vorbereiten. Trotz gleichwertiger Ausbildung (sowohl mit Blick auf Dauer und Leistungsstufe) bieten diese weiblich dominierten Berufe jedoch eine schlechtere Bezahlung als ingenieurwissenschaftliche Tätigkeiten, die in gleichem Masse männlich dominiert sind, aber deutlich besser entlohnt werden.

Auf den Gymnasien stellt sich die Situation ähnlich dar. Von den diversen Schwerpunkten, die den SchülerInnen in diesem Bereich des Schweizer Bildungssystems offenstehen, wählt der Grossteil der Jungen eine der drei Ausrichtungen, die Berufsperspektiven in den Naturwissenschaften, Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften eröffnen; Mädchen hingegen wählen meist Fremdsprachen, aber auch Biologie, Chemie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Bildende Kunst und Musik. Letztendlich tritt nur etwa die Hälfte der SchülerInnen vom prägymnasialen Zweig direkt auf das Gymnasium über. Die SchülerInnen, welche die nachobligatorische Schulbildung nicht auf dem höchstmöglichen Leistungsniveau fortführen (können), sind in der gleichen Situation wie jene Jugendlichen, die direkt in den Lehrstellenmarkt eintreten, und sind dort hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Ausdifferenzierung des Arbeitsmarkts den gleichen Möglichkeiten und Einschränkungen wie diese unterworfen.

Ausbildung und Gender in Einklang bringen

Seit der Öffnung sämtlicher Zweige des Schweizer Bildungssystems für Frauen Mitte der 1970er-Jahre stehen den Mädchen zumindest theoretisch ähnliche Bildungsmöglichkeiten offen wie zuvor nur den Jungen. Gleichzeitig sorgt das Schweizer Bildungssystem aber zusammen mit einer nur begrenzt wirkenden Gleichstellungspolitik für das Fortbestehen von geschlechtsspezifisch ausdifferenzierten Gesellschaftsstrukturen. Trotz Massnahmen wie dem „Nationalen Zukunftstag“, der einen beruflichen „Seitenwechsel für Mädchen und Jungs“ zum Inhalt hat, werden Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt weiterhin ungleich behandelt.

Der genannte Zukunftstag richtet sich an Mädchen und Jungen zwischen zehn und zwölf Jahren, die an diesem Tag einen Einblick in einen jeweils für das andere Geschlecht „typischen“ Beruf erhalten. Obwohl die Massnahme durchaus erfolgreich ist und der Seitenwechsel bei den Kindern mitunter ein tatsächliches Umdenken hervorruft, vermag sich ein einziger Tag nicht elementar auf den Lebensverlauf der Jugendlichen auszuwirken. Die Gleichstellungsaktivitäten im schulischen Umfeld beschränken sich zudem meist auf punktuelle Aktionen. Die Studie, die Fassa zwischen 2011 und 2013 mit LehrerInnen aus der französischsprachigen Schweiz durchführte, bestätigt, dass die Aspekte, die für die Gender-Gleichstellung im Bildungsbereich ursächlich sind, allgemein vernachlässigt werden. Nur 16,5 Prozent der Befragten gaben etwa an, einen bestimmten pädagogischen Leitfaden (Ecole de l’égalité) zur Vermittlung des Themas Gleichstellung genutzt zu haben.

Damit wird deutlich, dass die Gleichstellungspolitik weiter und stärker gefördert werden muss, um tatsächlich eine Wirkung zu erzielen und auch langfristig Früchte zu tragen. Um Frauen und Männern gleichwertige Lebensmöglichkeiten zu bieten, gilt es, für SchülerInnen der Sekundarstufe neue, innovative Möglichkeiten zur Berufsorientierung und -wahl zu schaffen, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Bildung der geschlechtlichen Identitäten stehen. Für den Bildungsweg dürfen allein Interessen und Neigungen entscheidend sein. In diesem Sinne wäre wünschenswert, wenn die in der Bundesverfassung und im Gesetz verankerte Gleichstellung von Mann und Frau ausdrücklich von (Aus-) Bildungsbehörden auf Kantons- und Bundesebene bekräftigt würde. Ein wesentlicher Beitrag für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft könnte geleistet werden, würde die Gleichstellung zu einem wesentlichen Auftrag des Bildungs- und Ausbildungswesens erhoben.

Literaturhinweise / Links:
Biographien:

Farinaz Fassaordentliche Professorin für Bildungssoziologie, Institut der Sozialwissenschaften an der Universität Lausanne, Co-Leiterin des Observatoire de l’éducation et de la formation (OBSEF) an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften

Pascal Maeder, PhD, wissenschaftlicher Projektleiter an der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), Leiter Wissenstransfer im NFS LIVES

LIVES Impact (ISSN: 2297-6124) veröffentlicht regelmässig Kurzdarstellungen mit einschlägigen Erkenntnissen aus Untersuchungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES „Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens“ (NFS LIVES). Sie richten sich an ein Fackpublikum, das sich im weitesten Sinne mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt.

Editor: Pascal Maeder, KTT Officer, pascal.maeder@hes-so.ch

Archives: https://www.lives-nccr.ch/de/page/lives-impact-policy-briefs-n1677